Zur Startseite Über uns Satiren / Einzeltexte Schiefe Briefe Links Gästebuch Impressum

Titelseite

Kultur

Medien

Wissenschaft


   Am grünen Tisch
   Wachstum nimmt zu
   Medizin a.d. Steckdose
   Medikam-Ente d. Woche
   Hut ab!
   Schnäppchen im Krank.
   Top 7-Illness-Charts
   Die Ethik-Ecke

Aktuelles

Technik

Politik

Unterhaltung

Lokales & Sport

Wirtschaft

Leserecke

No News Today - die einzig wahre Zeitung!


Das Wachstum im Wandel der Jahrhunderte
(Oder: Gott ist der erste und letzte Empiriker)

Die Wurzeln des Wachstums reichen weit zurück. Die ersten Menschen verstanden das Phänomen Wachstum noch auf völlig andere Weise als wir Heutigen. Eigentlich gab es für sie kein Wachstum im Sinne eines kontinuierlichen Prozesses, sondern sie versuchten, die Entwicklungen in der Natur durch übernatürliche Mächte zu erklären: Jeden Abend, wenn sich die Stammesangehörigen in ihrer Höhle zum Schlafen zusammenrollten, kamen in ihrer Anschauung die Götter über das schlafende Land und tauschten alle Dinge gegen neue Dinge aus: kleine Bäume gegen großen Bäume, klaren Himmel gegen Wolken, Sommer gegen Winter und alte Bäume gegen Humus und schlußendlich gegen Erdöl. Da dem Menschen der Moderne dieser naturverbundene Glaube zunehmend abhanden kommt, gibt es entsprechend auch immer weniger fossile Brennstoffe.
     Für unsere Vorahnen war also die Welt täglich wie neu, wie ausgewechselt. Aus diesem Grund standen sie unter chronischem Dauerstreß, da sie sich an alle Gegebenheiten ständig neu gewöhnen mußten und schon am nächsten Tag der Lernprozeß wieder bei Null begann. Nicht wenige fielen auf diese Weise dem über Nacht gewachsenen Säbelzahntiger zum Opfer, den sie schlichtweg nicht wiedererkannten.
     Die Stammespriester sahen ihre vornehmliche Aufgabe darin, diese natürlich göttliche Ordnung nicht zu stören. Niemand durfte nachts aufbleiben und sich versehentlich in das Wirken der göttlichen Hände einmischen, da sonst ewiger Tod und endendes Leben drohten. Das abendliche spirituell-religiöse Ritual bestand deshalb darin, alle Mitglieder der Gemeinschaft mit der Keule in den Schlaf zu schlagen. Als letztes verabreichten sich die wackeren Gottesdiener selbst den göttlichen Gnadenschlag.
     Doch eines Abends sollte die menschliche „Zivilisation” in ihren Grundrissen erschüttert werden, als nämlich der altersschwache Hohepriester Gnonk vom Onk seinem Stammesgenossen Mick vom Ick viel zu schwach mit der Keule über den Kopf strich. Dieser wachte deshalb um Mitternacht vorzeitig auf, ging wie betäubt nach draußen und setzte sich halbbenommen vor einen zufällig dort herumstehenden Baum. Er behielt ihn die ganze Nacht lang im Auge und sah, daß weder eine göttliche Hand ihre Hand im Spiel hatte noch sich überhaupt irgendetwas Sichtbares an dem Gewächs tat.
     Am nächsten Morgen befragt, warum er plötzlich so ungläubig dreinschaue, stammelte er etwas von „Es gibt keinen Gott. Alles bleibt immer beim Alten. Es gibt nichts Neues.” Diese Erkenntnis sollte vor allem sein eigenes Leben auf dramatische Weise von Grund auf neu gestalten. Er, der erste Ketzer der Geschichte, verlor daraufhin durch priesterlichem Beistand den Kopf. Damit waren entgegen seinen Beobachtungen gleich mehrere Neuerungen auf einmal geschehen: Er war der erste Geköpfte, der erste Märtyrer für den Unglauben und der erste theoretische Erkenntnisempiriker mit der neuen Idee, es gäbe nichts Neues. (20.000 Jahre später sollte Platon den gleichen Denkfehler mit der Höhle noch einmal begehen. Daraus lernen wir: Der Mensch kann nicht lernen.)
     Trotz aller Bemühungen der Geistlichen, dieses Mißgeschick unter das Gras zu kehren, war das Gerücht der Nichtexistenz Gottes nicht mehr aufzuhalten. Es tat sich ein erkenntnistheoretischer Abgrund auf: Diejenigen, die schliefen, erkannten am nächsten Tag einen stattgefundenen Wandel, für die Nachtschwärmer hingegen blieb die Welt, wie sie war. Durch die aufgekommenen Zweifel an der priesterlichen Einsicht in göttliche Geschehnisse gab es bald zwei große Lager: Die Veränderungsgläubigen und die Veränderungsatheisten. Diesen 50%igen Marktanteilsverlust konnten die Schamanen und späteren TV-Prediger nicht einfach so hinnehmen. In der Folge gelang ihnen eine Synthese dieser beiden Weltanschauungen durch die Einführung eines neuen Konzeptes: „das Wachstum”.

     Das Wachstumskonzept erklärte die scheinbare Diskrepanz zwischen Schein und Sein des göttlichen Wirkens. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Grundlage des Wachstumsglaubens, dem auch unsere Kultur noch anhängt, gelegt. Wachstum in diesem Sinne heißt, daß sich Dinge zwar verändern, dies aber für das menschliche Auge kaum erkennbar ist. In heutiger Sprache ist dies der Sachverhalt, der mit dem Stich- und Schlagwort „Reizadaptation” belegt wird.
     Eines Tages fiel eine Schwäche der Theorie ins Auge: Bäume, Dinge wuchsen nicht nur im herkömmlichen Sinne, sondern sie starben auch ab zuweilen. Das Konzept wurde daher schnellstens um die Dimension „Abwachsen” erweitert, die heutzutage unter dem Fachwort „Verfall”, „Degeneration” oder „Leben” verwandt wird.


     Die konzeptuelle Evolution der Menschheit sollte schon bald ein Wachstum erfahren. Der von einer achtbeinigen Spindel, einem damals sehr beliebten Flugsaurier, gestochene Ureinwohner Pieck vom Iiik fiel in einen exakt ein Jahr lang dauernden Schlaf und erwachte mit dem Eindruck, es habe sich in der Welt nichts verändert, da alle Bäume unverändert grün waren. Alle anderen Menschen um ihn herum hatten Wachstum und Verfall beobachten können. Die Geistlichen, die aus alten Fehlern gelernt hatten, machten sofort einen Neuen: Sie führten das immer weitergehende, schier endlose Konzept des „Zyklus” ein. Zwar wachse und verfalle alles, aber nicht wirklich und von Dauer, denn alles kommt in leicht modifizierter Form gleich wieder. So entstand der Glaube an die Jahreszeiten.
     Sie werden sich jetzt sicher fragen: „Was hat das alles mit meinem Garten zu tun, verdammt noch eins?!“ Darauf basiert unsere gesamte westliche Kulturgesellschaft. Das wird leicht einsichtig, wenn Sie sich überlegen, warum Leute überhaupt Gärten haben, warum sie stundenlang Rote Beete züchten und sich über den Komposthaufen hinweg unterhalten.
     In den heutigen, von Modernität überwucherten Betonburgen, die wir Städte nennen, wächst kein Gras mehr, es wächst überhaupt nichts. Damit die Leute nicht vom Glauben ans Wachstum und damit an die tragende Säule der Wirtschaft abfallen, benötigen sie ihre tägliche Dosis Wachstum, die sie mit den eigenen Augen sehen müssen. Weil Pflanzen bekanntlich das einzige sind, was natürlich floriert (neben der Automobil- und Versicherungsbranche), benötigen die Menschen als Symbol des fortschreitenden Wachstums einen Garten.
     „Ich kann's nicht mehr sehen, das doofe Wachstum!” hörte man jedoch allerorten immer öfter. Um das natürliche Pflanzenwachstum zu beschleunigen und damit sichtbar zu machen, lassen sich findige Marktstrategen so Sachen wie Dung und Dünger, chemische Reizstoffe und wachstumsfördernde Mittelchen einfallen.
     Apropos Absatz: der ideologische Unterbau des ökonomischen Systems zeigt sich exemplarisch am Beispiel des Gartens. Wenn man die Gartenbeilage einer Zeitung aufschlägt, quillt es einem aus allen Ritzen entgegen: Wachstum, Wachstum, Wachstum. Wer nicht wächst, taugt nichts, ist die offensichtliche Message. „Du bist, was du wächst”, wie der große Gartenphilosoph Heinrich vom Pferd zu erzählen weiß.
     Der Mensch in seiner unerträglichen Allmachtsphantasie gibt sich jedoch nicht mit dem natürlichen Wachstum zufrieden und erfindet das künstliche Wachsen (1912). Autos und Äpfel, eben alle Dinge, die natürlich nicht wachsen können, sind vom Menschen zu wachsen, um den gewachsenen Glauben zu retten.
Dipl. N. Atura